Dienstag, 15. Mai 2018

beleidigte leberwürste

"xy wurde in seiner kindheit rassistisch beleidigt" steht da irgendwo im internet, wo ist jetzt mal egal, denn es steht dazu gerade ständig was irgendwo, weil es derzeit en vogue ist, religiös zu dissen und gedisst zu werden.
was er sich wohl anhören musste?
du saujude. du drecksmoslem.
du scheiß-christ. du gottloser hurensohn!
so je nach konfession oder nicht-konfession.

ich wurde in meiner kindheit auch beleidigt, weil ich nie jeans trug und unsportlich mit tendenz zum moppeltum war. und natürlich galt ich als streberin, weil ich schon als kindergartenkind lesen und schreiben konnte.
ich kenne außerdem bestimmt hundert andere kinder, die ebenfalls beleidigt wurden. weil sie dumm waren oder schlau. weil sie eine brille trugen. oder pickel hatten. oder beim völkerball angst vor dem ball hatten.

beleidigen scheint also irgendwie ein ganz tiefes, heiliges bedürfnis des menschen zu sein. kinder tun es ganz offenherzig, erwachsene etwas subtiler, außer in leser- oder facebookkommentaren, weil man sich hier ganz anonym abfällig äußern kann, wobei jede hemmung fällt. und auch wenn es verpönt ist, jemanden wegen seiner religion, seines geschlechts oder seiner herkunft zu beleidigen, kann man es doch immer noch auf ein millarde andere weisen tun: wegen körperlicher und psychischer makel, der frisur oder kleidung, dem intellekt, dem beruf, dem sozialen status oder der lebenseinstellung. das passiert permanent und ist keineswegs verboten, auch wenn es letztlich nicht weniger wehtut als beleidigungen aufgrund von herkunft und religion.

der knackpunkt ist also vermutlich: es geht um das beleidigen an sich. ich beleidige, also bin ich!

beleidigen hat in der tat etwas mit identität zu tun. elias canetti nennt es das wir-lächeln, wenn eine gruppe eine andere oder ein individuum belächelt und sich dadurch von innen gestärkt fühlt. beleidigt ein einzelner einen anderen einzelnen, unterstreicht er damit in seiner sicht seine individualität auf basis einer negativfolie: ich bin keine dumme sau. ich bin kein spast. ich bin kein islamist. ich bin kein nazi.

wenn ich auf reiche spießer mit penisprothesen schimpfe, unterstreiche ich damit, dass ich ein für wenig geld ehrlich und hart arbeitender mensch ohne entsprechenden fahrbaren untersatz bin. ich tue das ein wenig aus sozialneid, ein wenig, weil ich mich mit spießern in der regel grundsätzlich nicht verstehe, ein wenig, weil ich mich unendlich über den drecks-hvv und seine permanenten asozialen preiserhöhungen ärgere, und last but not least, weil reiche spießer meiner beschränkten ansicht nach nichts anderes machen als mit ihren familien in ihren protzbunkern zu sitzen und darauf zu achten, dass die eigene luxuskarre schöner glänzt als die der nachbarn.

ich tue es aber auch aus stolz und aus dem bedürfnis heraus, diesen stolzen unterschied zu pflegen. kurzum, ich halte mich in diesem punkt also für was besseres, auch wenn ich darum weiß und dass es so keineswegs sein muss. es gibt schließlich auch nette reiche leute, die gar nicht spießig sind und sich sozial engagieren, und es gibt langweilige arme leute, die sich vom kindergeld ihrer blagen einen gebrauchten genitalbooster kaufen, um damit durch die straßen zu heizen wie die irren.

beleidigen ist also identitätsstiftend in einer welt der grenzenlosen beliebigkeit und der enormen unterschiede, verengt aber auch die sichtweise und bringt einen vielleicht um wertvolle kontakte. könnte ja mal passieren, dass ein reicher spießer mit hr-befugnis meine fähigkeiten bemerkt und mich in sein unternehmen holt. was aber nicht passieren wird, solange ich lieber mit punks und obdachlosen plausche oder mit meinem dhl-boten über ausbeutung diskutiere. oder mit dem luxus-mann, der zwar wohlhabend ist, aber sagt, er will nicht über karriere sprechen, weil er schleimer und emporkömmlinge und alle, die sich irgendwie hervortun, nicht ausstehen nicht.

es geht beim beleidigen also fast immer darum, unterschiede zu legitimieren und sie in ihrer vollen größe aufrecht zu erhalten. 

ich wurde kürzlich von einem magazin zum thema "arm trotz arbeit" interviewt. ich hatte dem zugestimmt, weil ich dachte, vielleicht rüttelt es auf, wenn mal jemand reale zahlen nennt, wie unfassbar menschenunwürdig selbst akademiker manchmal bezahlt werden. wie es ist, wenn man vom arbeitgeber sogar um das krankengeld betrogen wird und dass es somit kein wunder ist, wenn sich menschen dann lieber für hartz IV und ausschlafen entscheiden. die kommentare alle so: selber schuld, du bist ja auch eine frau! warum bleibst du nicht hinter dem herd, wo du hingehörst! selber schuld, du hast ja nichts naturwissenschaftliches studiert! wer studiert denn auch geisteswissenschaften! nur ein einziger traute sich und schrieb: ich habe bwl studiert und ich kenne das auch. er wurde niedergewalzt von kommentatoren, die alle versuchten, bwl auf die stufe der geisteswissenschaften (also auf die stufe baumschule) zu stellen.

ich war in der tat selber schuld, denn ich hatte das interview einem magazin gegeben, dessen leserzielgruppe mehrheitlich keine akademiker sind. also leute, die weder wissen, was ein geisteswissenschaftler oder bwler gelernt hat, noch solche, die sich speziell für die verdienstmöglichkeiten von akademikern interessieren. vermutlich hätte ich mitleid bekommen, hätte ich gesagt, ich bin alleinerziehende mutter, die es wegen ihrer schwangerschaften nicht bis zum abitur geschafft hat, weil mir mein sagen wir mal afrikanischer freund brutal ein balg nach dem anderem in die röhre gedrückt hat. das hätte vermutlich identifikation gestiftet: die arme frau, alleinerziehend! von einem ausländer verarscht! schlägt sich aber trotzdem durch für ihre kinder, respekt!

beleidigungen resultieren also aus (negativ empfundenen) unterschieden und dienen gleichzeitig dazu, diese zu betonen oder zu zementieren. sie sind damit ein paradoxon. sie klagen an, sind aber zugleich eine absage, etwas verändern zu wollen, oder aber eine frustrierte ohnmachtsbekundung zu verhältnissen, die sich aus eigener kraft nicht ändern lassen.

wahrscheinlich gibt es sie so lange, so lange es menschen gibt.




Kommentare:

  1. Es passiert mir auch manchmal, dass ich jemand beleidige, weil ich zu oft sage, was ich mir denke. Und manchmal kommt meine Sicht der Wahrheit nicht gut an. Heutzutage bin ich schon vorsichtig, bevor ich überhaupt was zu den Leuten sage - und das kommt auch nicht gut an!

    Heute habe ich schon einen Zigeuner beleidigt. Wir schreiben auf dem selben Portal = The Apricity. Das Hauptthema ist die Klassifikation von Personen - weltweit.

    Ich habe eine Roma-Frau (eine Hexe) als Indo-Dalit klassifiziert. Er bezeichnet sich selber als Indo-Brachid <- das hätte ihm geschmeichelt. Das habe ich gewußt, aber diese Freude habe ich ihm nicht gemacht.

    AntwortenLöschen
  2. Ich studiere auch Geisteswissenschaften und muss mir ständig sowas anhören , wann ich denn meinen Taxischein mache usw. Leider ist es bei uns in Sachsen-Anhalt so, dass man mit dem Studienfach keine müde Mark verdienen kann *schüttelt ungläubig den Kopf*

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. angesprochen auf die gehaltsstruktur (habe in meinem letzten job 900 € netto verdient), meinte mein damaliger chef zu mir: "sie können doch froh sein, wenn ihnen überhaupt einer einen job gibt!" damals hatte ich schon über 6 jahre berufserfahrung, erfahrung als teamleitung und stellvertretende gf und bekleidete alleinverantwortlich den posten pr und marketing.

      tja.

      die wurzel allen übel sind wie immer fake news und vorurteile der dämlichen chefs und vorstände. je jünger, desto arroganter und dümmer sind die ja.

      ich arbeite im großen und ganzen wesentlich schneller und besser als meine kolleginnen, die teils kommunikationswissenschaften oder bwl studiert haben. ich kann sogar effizienter entscheidungen treffen, weil ich mit dem kopf dabei nicht in lehrbüchern von damals stecke, die in einer sich so schnell wandelnden branche nach einem jahr schnee von gestern sind. ich lerne jeden tag, bilde mich ständig fort und werde doch schief angeschaut. hm, germanistin. die kann doch nix!

      wenn ich höre, was mein mann (vwler) in seinem studium so gemacht, muss ich echt lachen. meine zulassungsarbeit war dreimal so lang wie seine. und ich hatte so viel stoff, ich habe nicht 2 wochen, sondern 2 jahre auf mein examen gelernt. jut, ich kann kein mathe. aber so what. fuck mathe! und fickt euch alle, die ihr keinen respekt vor geisteswissenschaften habt! die meisten studieren heute doch deswegen bwl oder naturwissenschaften, weil sie angst vor diesen vorurteilen und damit einhergehenden benachteiligungen haben. fickt dieses beschränkte, konforme denken! in ein paar jahrzehnten haben wir lauter naturwissenschaftler, die mit sich ach und krach durchs studium geschleppt haben und an matheaufgaben der elften klasse scheitern würden, weil sie einfch weder begabt noch interessiert, sondern einzig und allein opportunisten sind.

      Löschen
    2. DAS nenne ich dann fachkräftemangel! und am deutlichsten sieht man den in unserer regierung.

      Löschen
  3. "und fickt euch alle, die ihr keinen respekt vor geisteswissenschaften habt! die meisten studieren heute doch deswegen bwl oder naturwissenschaften, weil sie angst vor diesen vorurteilen und damit einhergehenden benachteiligungen haben."
    Deswegen nimmt unsere Fakultät jeden Idioten mit Abitur an, weil sie sonst geschlossen wird. Kassiert für jeden Studi Geld, das dann in die Naturwissenschaften fließt. Resultat? Seminare mit 80 Leuten, die aber nur Kapazität für 25 Leute haben. Ganz großes Kino .

    AntwortenLöschen