Mittwoch, 11. Oktober 2017

das ich im wir

der luxus-mann hat sehr feste vorstellungen vom leben. zum beispiel, dass eine frau auf jeden fall immer berufstätig sein muss und arbeitslosigkeit ein grund zur sofortigen trennung ist. dass man mehrmals im jahr in urlaub fahren muss und einmal davon mindestens drei wochen lang. und dass um 17:30 uhr zu abend gegessen wird.

das ist anstrengend für mich. heute hat der luxus-mann seine op und ich habe versprochen, deswegen noch mal für ihn zu kochen. aber ich komme frühestens um 18 uhr aus dem büro. 17:30 uhr ein essen auf den tisch zu stellen, ist also ein ding der unmöglichkeit. urlaub kann ich mir nicht spontan nehmen, nicht in meiner position und schon gar nicht, weil mein chef nun vier wochen urlaub hat. als ich meinte, dass ein essen vor 19.30 uhr unrealistisch sei, schlug mir nicht gerade begeisterung entgegen.

dabei weiß der luxus-mann, dass ich kochen ohnehin abgrundtief hasse - insbesondere nach einem langen stressigen arbeitstag. ganz grundsätzlich empfinde ich kochen als spießig und unökonomisch und merkmal der ehe meiner eltern: mein vater muffelt vor sich hin und sagt, was er alles nicht mag, meine mutter plant den lieben langen tag die nächste mahlzeit und rennt von hinz nach kunz dafür. bei der zubereitung und allem drumherum hilft mein vater kein stück. so ähnlich läuft das bei uns auch ab, wobei der luxus-mann des öfteren hereinkommt und überwacht, damit ich nicht zu viel wasser und strom verbrauche und abfälle luxusgemäß trenne. kurzum, kochen ist purer terror.

wenn ich endlich mal zuhause bin, bin ich allerdings schon mega gestresst von der arbeit und will nichts weiter als ruhe und einen drink und vielleicht noch einen schwanz, der auf mich wartet. noch mehr stress führt bei mir zu aggression und streitlust sowie zu dramatischen gedanken, dass mir jegliche freiheit geraubt wird und ich sofort diese beziehung canceln muss.

das schwierigste ist wie immer, die eigenen drastischen emotionen in ihren schwankungen zu ertragen: hass, aggression und jede menge schuldgefühle, weil ich den luxus-mann doch sehr liebe. ganz oben auf dem gefühlskonglomerat sitzt die unbändige angst, wieder sieben oder mehr jahre quasi alleine zu sein. gleichzeitig bin ich nicht sicher, ob ich beziehungen überhaupt ertrage. und ob ich im jenseits nicht sowieso besser aufgehoben bin. das alles wird ergänzt durch das tiefe gefühl fundamentaler, gegenstandsloser einsamkeit.

das gedankenkarussell dreht sich tag und nacht. wer bin ich und was will ich überhaupt? das große schöne wir weicht meine schwachen ich-grenzen auf. geliebt zu werden darf nicht das ziel sein, ist es aber irgendwie doch. wie schüttelt man einsamkeit ab? doch nicht in zweisamkeit?

der luxus-mann versteht solche gedankengänge nicht. mir fehlt jemand wie das objekt, fällt mir am wochenende ein. prompt träume ich jede verfickte darauffolgende nacht, dass ich dem objekt wieder begegne, dass wir unsere seelengespräche wieder aufnehmen und es mich dabei im arm hält, dem ort, wo ich mich einst einzigartig sicher fühlte. auch wenn es - ganz rational betrachtet - keine unzuverlässigere und unstetere person als das objekt gab.
das aufwachen ist qualvoll. die sehnsucht nach einer umarmung oder einer liebevollen geste, nach dem wortlosen und wortreichen verstandensein ist so unendlich groß. sie wächst und wuchert im allumschließenden wir. dem wir zum trotz.


Kommentare:

  1. Antworten
    1. ja. ich wünschte, ich könnte raus aus meinem kopf und diesem borderline-dilemma. denn eigentlich fühle ich mich schon sauwohl mit dem luxus-mann.

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  2. Der Luxusmann ist aber auch echt anstrengend.
    So etwas ist gut handelbar, wenn man selber gut drauf ist. Wenn man selber am Anschlag laeuft hingehen eher nicht. Insofern sehr verstaendlich, sich da nach ner Schulter zum anlehnen oder ner starken Umarmung zu sehnen, die das Objekt ja nunmal unbestreitbar hatte.

    Aber ... Abendbrot um 17:30???? Wie soll man das denn schaffen? Da ist bei uns in den seltensten Faellen schon irgendjemand zu Hause. Trotz Wecker um 6:00 ;(
    (Ausserdem haette ich dann um 10 wieder Hunger)

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  3. das mit dem abendbrot schafft man, wenn man wie der luxus-mann keine 40-h-woche und gleitzeit hat und so theoretisch um 16:30 uhr zuhause ist.

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