Sonntag, 15. Oktober 2017

mobbing

"ich bin ja froh, dass meine tocher mit ihrer klasse ganz gut klarkommt", sagt der luxus-mann beim frühstück. "ich frage mich ja immer, was man als vater macht, wenn man so ein außenseiter-kind hat."

daraufhin erzählte ich ihm meine geschichte. ich war ein extrem unbeliebtes kind und wurde jahrelang von meiner grundschul-klasse verprüglt. das hatte zwei gründe: ich war klug und bekam - ohne zu lernen - sehr gute noten. darüber hinaus trug ich gerne röcke und kleider und unterschied mich so optisch von anderen. von der wesensart her war ich sanft, hilfsbereit und zurückhaltend - das ideale opfer also.

jeden mittag lauerte mich eine gruppe jungs aus meiner klasse vor der schule auf und gab mir saures. schubsen, kratzen, schlagen, treten. und natürlich verbale gewalt in rauen dosen. irgendwann lag ich im dreck und heulte, der rest feixte. ein herrlicher spaß.

meine mutter bekam natürlich mit, was los war, wenn ich dreck- und blutverschmiert und mit teils zerfetzten klamotten nach hause kam. sie ging zur lehrerin und beschwerte sich. die lehrerin zuckte mit den achseln und meinte, sowas müssten kinder unter sich ausmachen.

eine zeitlang holte mich meine mutter mittags ab. das brachte nicht viel. die jungs waren zu fünft oder zu sechst, ich ganz alleine. es interessierte sie kein bisschen, wenn meine mutter nebendran stand und sagte, sie sollten aufhören. als meine mutter mal nicht da war, schlugen sie mich um so doller. meine mutter telefonierte daraufhin mit der mutter des anführers der gang. ohne den geringsten erfolg.

ich war ein verschrecktes kind mit massiven schlafstörungen. ich hatte panische angst vor der schule, vor allem dem schulweg und den pausen, und war immer froh, wenn ich krank war. das wurde ich glücklicherweise sehr oft. ich lernte trotzdem leicht und gerne. mein lesebuch las ich am anfang des schuljahres von vorne nach hinten durch.

irgendwann kam nicola in meine klasse. nicola war klein, schmächtig, schielte, stotterte und trug eine dicke brille. wir befreundeten uns und wurden dann zu zweit gemobbt. nicola habe ich zu verdanken, dass ich die grundschule irgendwie überlebt habe.

"ihre eltern hätten sie schützen müssen", sagte psychologe nummer eins großspurig vor vielen jahren. doch wie schützt man sein kind effektiv? ich habe den psychologen gefragt und bekam seine standard-antwort - hilfloses grinsen und schulternzucken. er hatte also keinen schimmer. ich fragte meine auch meine aktuelle psychologin, die daraufhin meinte, mobbing sei nichts besonderes und könne schon mal vorkommen. weil kinder halt so sind. ich solle es nicht überbewerten, dass mir das passiert sei. was für ein schwachsinn - und vor allem keine antwort auf meine frage.

hätte ich ein kind und gäbe es ein einzelnes kind, das mein kind triezt, würde ich meinem immer raten, zurückzuschlagen. ich würde ihm zeigen, wo es schmerzhafte treffer landen kann und es ermutigen, überraschungsmomente für sich zu nutzen, den anderen aus der gruppe zu isolieren und ihn dann durch die hölle zu schicken. zumindest aus der opferperspektive habe ich damit schließlich reichlich erfahrung. schwieriger finde ich es, wenn viele kinder oder die ganze klasse gegen ein kind ist. da fällt mir dann auch nicht mehr viel ein.

ideas, anyone?


Kommentare:

  1. Ich habe das Gleiche erlebt. Ging bei mir bis zur 10. Erst der Schulwechsel auf die Oberstufe in einer anderen Stadt hat dem Elend ein Ende gesetzt.
    Das ganze ist ist 20 Jahre her. Meine Lehrer haben auch nichts gemacht, obwohl sie mehrfach von mir und meiner Mutter kontaktiert wurden. Selbst als der Schulrowdy mir mit einer Wasserflasche aus Glas eine Gehirnerschütterung verpasste, hieß es nur „Dududu“ für ihn und das wars. In dieser Zeit habe ich das erste Mal versucht mir die Pulsadern aufzuschneiden. Habe leider nicht tief genug geschnitten und ein zweites Mal habe ich mich nicht getraut, weil meine Mutter ausgeflippt ist.

    Heute gibts es Präventionshelfer, die auf Bestellung in die Schule kommen und das Thema mit allen Schülern gemeinsam oder klassenweise detailiert durchgehen und auch die Lehrer dafür sensibilisieren.
    Ansonsten hilft nur Karate o.ä. lernen und zurückdreschen, so wie du es beschrieben hast. Würde meinem Kind auf jeden Fall beistehen.

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    1. das ist schon krass. da sieht man auch mal, was für enorme auswirkungen mobbing hat - bis hin zum suizidversuch.
      ich hoffe, dass es dir heute gut geht und du keine allzu großen nachwirkungen mehr hast? mich begleitet das thema ab und an noch in alpträumen. ich denke, man kann das nie ganz vergessen...

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  2. Ich war als Kind in dieser alle-gegen-einen-Situation. Meine Eltern haben ziemlich viel versucht, um die Situation zu verbessern, aber diese Versuche fielen kaum bis gar nicht auf fruchtbaren Boden. In mehr oder weniger letzter Sekunde haben sie sich für einen kompletten Umfeldwechsel entschieden, der sogar mit einem Bundeslandwechsel einherging. Und ich war dankbar. Schon als Kind konnte ich das als den Neustart begreifen, der es war.

    Mehr fällt mir leider auch nicht ein.

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    1. schulwechsel scheint eine ganz gute option. gut, wenn deine eltern so aktiv waren - meine haben extrem schnell aufgegeben.

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  3. Bei mir persönlich hat nur wehren geholfen. Wenn der "Top"-Schläger ne blutige Nase hat (war Glückstreffer und nicht mal Absicht), dann verursacht es sowas wie Respekt. Wirklich in Ruhe gelassen haben sich mich erst, als ein neues Opfer in die Klasse kam.

    Bei meinem Bruder (11 Jahr jünger) hat es damals eine Weile gereicht, dass ich ihn einmal mit Bunderwehrhaarschnitt und Tarnklammoten von der Schule abgeholt und böse gekuckt habe. Wirklich geholfen hat aber nur ein Schulwechsel.
    Wenn die Idioten die Kontrolle übernehmen, kann man nur gehen.

    Falles einem meiner Kinder etwas Vergleichbares passiert, kann sich der Staat die Schulhausanwesenheitspflicht in die Haare schmieren - mein Kind wird eine solche Schule nicht wieder betreten.

    Mit der Auswahl der Schule kann man allerdings einiges verhindern (Agieren statt reagieren). Das heißt zwar in meinem Fall längere Wege, aber das ist es mir wert.

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    1. irgendwie traurig, dass es nur mit gegengewalt funktioniert. ältere geschwister sind da natürlich sehr hilfreich. hab mir immer einen großen bruder gewünscht, der mich in solchen situationen beschützt. naja, einzelkinder-träume. ;)

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  4. Ich hatte seltsamerweise erst gestern Abend ein dazu passendes Gespräch mit Capt'n Junior. Es ging um ein sehr unbeliebtes Mädchen in seiner Klasse, die zwar nicht verprügelt oder gehänselt, wohl aber von allen anderen gemieden wird. Aus unterschiedlichen Gründen, die ich aus Kindersicht auch nachvollziehen kann. Capt'n Junior meinte dazu, dass die ihm ziemlich leid tun würde, weil sie ja gar keine Freunde hätte und ich schlug ihm vor, auf der bevorstehenden Klassenfahrt doch mal mit dem Mädchen zu sprechen / zu spielen. Seine Antwort war ebenso ehrlich wie ernüchternd: "Eines hab ich auf der Grundschule gelernt: Wenn man sich mit dem Außenseiter anfreundet, wird man sofort selber zum Außenseiter!"
    Da kommt eben immer auch eine gewisse Dynamik in so eine Gruppe und viele Kinder sind schon ausgelastet damit, nicht selbst in die Gruppe der Gebeutelten und Gepiesackten zu geraten. Und da dürfte das Problem sein: Es läge an den Eltern aller anderen Kinder, ihr Kind so zu erziehen, dass solche krasssen Auswüchse gar nicht erst passieren.
    Ich muss allerdings gestehen, dass ich als Vater auch schon mal den Rat gab, sich den Größten und Stärksten, den Anführer der Gruppe ordentlich vorzuknöpfen. Das kotzt mich heute noch an.

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    1. das ist ja furchtbar. spiegelt aber unsere gesellschaft wider: ein wetteifern um überangepasstheit. todlangweilig und monoton. wenn ich schon die chicks auf den straßen sehe in ihren skinny-jeans-(jetzt oberbescheuert zerfetzt)-zeltartiges-oberteil-uniform. ich muss jedes mal kotzen. oder auch kultur. man macht das radio an und es kommt die immer gleiche schwule geseier, in der ein immer gleich jaulig klingender sänger zu seiner retortenmucke belanglosigkeiten ins mikro winselt, als gäbe es kein morgen. es gibt keine vielfalt mehr. die leute sind nicht mehr punk oder hippi oder shoegazer oder goa. sondern scheißlangweilig uniform.
      als ich hier nach hh kam, dachte ich, cool, endlich wirst du regelmäßig auf konzerte gehen, weil hier muss ja der bär steppen. pustekuchen. alles ist auf langweilige hipster und deren konsumsucht zugeschnitten. und alles, was nicht auf hochglanz poliert und gewinnbringend vermarketet werden kann, wird wegrationalisiert.
      wir müssen eigentlich keine angst mehr davor haben, dass wir mit der afd in eine diktatur rutschen. wir haben eine auto-diktatur durch eine absolute vereinseitigung der gesellschaft.

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    2. das war jetzt ein bisschen o.t., aber ich hoffe, du verstehst, was ich meine: wenn kinder keine vielfalt mehr kennen und zulassen, dann leben wir in einer art kulturellem faschismus.

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    3. @Das spiegelt unsere Gesellschaft wider: Das ist doch aber schon lange so, dass du dich besser anpasst, um nicht zur Zielscheibe zu werden. Und dass du selbst zum Außenseiter wirst, wenn du mit den Außenseitern sympathisierst. Das ist sozialer Selbstmord, wie ich am eigenen Leib erfahren durfte (halt schon in den 80ern), allerdings habe ich wahrscheinlich aus vielerlei Gründen ohnehin eine gute Zielscheibe abgegeben. Finde ich bezeichnend, dass der Psychologe keine Antwort auf deine Frage hatte. Und dieses "Kinder sind eben so..." na ja... nicht nur Kinder. Es gibt tolle Lehrer und es gibt auch ausgemachte Arschlöcher, die sich einen Spaß daraus machen, Schüler vor der gesamten Klasse bloßzustellen. Bin neulich zusammengezuckt, als der Junior ganz nebenbei festestellte, dass die Uni mehr Spaß machen würde, weil man da endlich keine Angst mehr vor irgendwelchen Lehrern haben müsse... und er gehörte (meines Wissens nach) nicht zu denen, die da große Probleme hatten.

      Sorry für den Roman - und dabei habe ich noch nicht mal damit begonnen, mich über dieses Schulsystem in Rage zu schreiben...^^

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  5. Ich kenne das Thema – leider – auch wesentlich besser als mir lieb ist.

    Angefangen damit dass ich in der zweiten Klasse von der ganzen Klasse ausgelacht wurde – initiiert von der Lehrerin bis hin zu Verfolgungsjagden durch Mitschüler auf dem Heimweg in der 10. Klasse.
    Nie physische Gewalt, immer nur psychische Gewalt – aber auch die hat tiefe Narben hinterlassen. Besser wurde es erst nach dem Wechsel in die Berufsschule.

    Nach vielen Umwegen bin ich vor über 10 Jahren wieder in der Berufsschule gelandet, diesmal auf der anderen Seite als Lehrer.

    Und wenn ich hier lese dass es immer noch Kollegen (ich meine damit immer die Kolleginnen und Kollegen) gibt die so etwas zulassen, „übersehen“, „halb so schlimm“ oder gar „ ganz normal“ finden bekomme ich das große Kotzen.

    Denn da kann man wohl etwas tun, ja klar das ist Arbeit und nicht immer bequem, aber es geht…

    An der Schule an der ich arbeite wird zum Schuljahresanfang von guten, engagierten Kollegen immer ein Deeskalationstraining durchgeführt. Es gibt ein Streitschlichtungsprogramm und wöchentlich 2 Stunden Unterricht im Fach Streitschlichtung.

    Ich persönlich mache das so: keine Toleranz gegenüber abwertendem Verhalten, keine, absolut keine.
    Ich dulde es nicht das sich abfällig über Mitschüler geäußert wird oder jemand ausgelacht wird. Bekomme ich so etwas mit, und sei es nur ein flapsiges „halts Maul“ spreche ich das an und mache deutlich dass ich sowas nicht dulde.
    Ich versuche die Grundsätze der gewaltfreien Kommunikation anzuwenden, lege Wert auf einen respektvollen Umgang miteinander und versuche das vorzuleben.
    Ich lege Wert auf so altmodischen Kram wie ein „Bitte“ oder „ Danke“.
    Mein Motto: wir gehen respektvoll miteinander um und wenn wir lachen, dann lachen wir gemeinsam.
    Das dauert immer eine geraume Zeit, aber irgendwann stellt sich meistens eine friedvolle, angenehme Atmosphäre ein in der meinen Schülern der Unterricht zumindest ab und zu Spaß macht.
    Klar ist das manchmal anstrengend und klar führt es manchmal dazu dass ich mehr private Probleme meiner Schüler mitbekomme als mir lieb ist.
    Im Gegenzug hab ich dafür eine angenehme Atmosphäre in der mir meine Arbeit Spaß macht.

    Und wer sagt das geht nicht oder dafür sei er oder sie nicht zuständig der ist in meinen Augen nur zu faul oder zu feige das zu machen wofür er da ist: junge Menschen zu bilden und zu erziehen….

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