Montag, 10. Juli 2017

g20

vornweg: ich mache keinen hehl daraus, dass ich in vielerlei hinsicht sozialistisch denke, auch wenn ich nicht auf ganzer linie mit den linken mitgehe. ich würde mich auch in mancherlei hinsicht anarchistisch einordnen, auch wenn ein anderer teil in mir sehr spießig und fast cdu-like ordnungsliebend ist. die popularistischen springer-medien waren nach g20 natürlich sofort am krakeelen, dass die linken bzw. "linksanarchisten" (was definitorisch nicht zusammengeht und einen sematischen synkretismus bedeuten würde, aber solche feinheiten entgehen den systemkonformen axel-springer-blindschleichen ja gerne) die krawalle gutheißen. ich versuche also mal zu differenzieren, auch wenn ich dabei vielleicht einige vemeintliche stereotype erfülle.

also g20.
hallo hamburg, du wunderst dich über die achso schlimmen krawalle und denkst sicherlich, dass ihr ja total ok wart und die aggression nur von der anderen seite kam.
da vergesst ihr spacken aber leider, dass man genehmigte demos nicht einfach abblasen kann, weil versammlungsfreiheit und so zumindest auf dem papier zu den grundrechten zählt.
da vergesst ihr arschlöcher auch, dass man, wenn man gefahrenzonen vom aumaß eines ganzen stadtteils, der auch herzstück ist, errichtet, nicht nur anwohner ausgesprochen unangenehm an eine diktatur erinnert. die tage im stacheldraht und zwischen polizei-armeen waren nicht lustig.
nicht zuletzt vergesst ihr, dass es sich um eine stadt handelt, in der unzählige millionäre und andere geldscheißende spacken ihre residenzen haben, aber auch nur, weil unsereins für hungerlöhne schuftet oder zwei jobs braucht, um über die runden zu kommen. hamburg ist damit eine stadt der extremen sozialen unterschiede, eine stadt, in der der eine auf kosten des anderen lebt.
das alleine sind für mich gründe, um auf die barrikaden zu gehen. oder euch zumindest täglich einen fetten haufen vor euer hässliches, goldglitzerndes rathaus zu scheißen.

gewalttouristen, nunja.
die haben nicht verstanden, dass krawall ein wirkliches ziel haben muss, dass der kapitalismus sich nicht in kleinwagenbesitzern und pupsigen einzelhändlern, die einen nicht zu gewinnenden konkurrenzkampf gegen große konzernketten fighten, manifestiert. warum wirft man fensterscheiben bei unserem kleinen bäcker ein? einem, dem am monatsende ebenso wenig wie anderen arbeitern bleibt, einem, der obdachlosen nach feierabend das restgebäck schenkt? gewalttouristen haben auch keinen schimmer, wie es ist, in dieser stadt zu leben, die einerseits in geradezu perversem ausmaß protzt und anderseits aus reiner habgier soziale mindeststandards missachtet - auf kosten von alten, kindern und kranken.
gewalttouristen haben jedoch eines wirklich gut drauf, und zwar, wie man die polizei tanzen lässt. wir sind hier, ach nein, wir sind da, ach nein, wir sind schon weg. das hat guerilla-grips, und dafür gibt es einen sympathiepunkt. insgesamt also geile performance, aber eben abzüge in der konzept-note.

die liebe pozilei.
ich bin kein fan von uniformierten schlägertrupps. solche haben wir hier zuhauf. ich schätze aber menschen, die für unsere grundrechte einstehen und konflikte schlichten und die schwachen beschützen.
ich habe eine mutter getroffen, die - zusammen mit ihren beiden kleinen töchtern - mit schlagstöcken von der polizei angegriffen wurde. sie wollte nur ihre kinder aus der kita holen, aber das passte den blauen jungs nicht.
bei der polizei gibts gute köpfe und tapfere herzen, aber eben leider auch viele schwachmaten, die spaß am krawall haben und darin den gewalttouris in nichts nachstehen. ich verstehe, dass man mit einem so schwachen image, wie es die polizei als arbeitgeber überwiegend hat, nicht wirklich auswahlmöglichkeiten bei den bewerbern hat. ich verstehe aber nicht, dass man solche leute auf andere leute loslässt.
die "guten" tun mir leid. die stehen zwischen pflichtbewusstsein bei der auftragserfüllung, angst vorm jobverlust, angst vorm druck, den gewaltbereite kollegen und chefs auf sie ausüben - und möchten last but no least einfach nur einen guten job machen. das ist dann eine frage des kollegialen umfelds, der abhängigkeiten und der persönlichen stärke, auf welche seite man fällt. mein opa väterlichseits beispielsweise war ein glühender nazionalsozialist und ausländerhasser, aber als es 1943 darum ging, mit seiner truppe in russland dörfer anzuzünden und frauen zu vergewaltigen, ist er lieber spazieren gegangen. man kann also durchaus seine wege finden und seiner eigenen ethischen stärke folgen. nicht jeder hat aber das rückgrat dazu. dass es welche mit rückgrat gibt, und zwar nicht wenige, zeigt bspw. die arbeitsgemeinschaft "kritische polizisten" im netz.
aus den g20-krawallen habe ich all in all ungefähr genauso viel schönes wie auch horrorstorys über die einsatzkräfte gehört. unter den uniformen stecken menschen, hat die polizei groß geworben. ich sage, ja, mit sicherheit, aber unter den schwarzen masken stecken ebenfalls menschen. das wird natürlich mal wieder vergessen, wenn mainstream-medien wie die mopo die leute in menschen und monster einteilen.

eines wurde überdeutlich: krawallmacher werden das menschenverachtende system, in dem wir leben müssen, nicht verändern können. sie setzen aber ein wichtiges signal, indem sie dem staat zeigen, dass es nichts zu lachen gibt, wenn der sturm erstmal losbricht. liebe politiker, die ihr nun nach diesem wochenende sicherlich gedankenlos zu eurem daily business übergeht und einen haken unter dieses wochenende setzt: be afraid. und natürlich kann geschossen werden. eines tages, wenn ihr auch in zukunft wieder zu den lasten der vielen den privilegierten den arsch pudert. wenn ihr weiterhin unsere grund- und menschenrechte aushebelt - auch im geheimen, wie es euch feiglingen so beliebt, weil ihr dann nicht mal mit leiser kritik rechnen müsst.

natürlich kann man an dieser stelle totschlagargumentmäßig drauf hinweisen, dass es in anderen ländern alles viel schlimmer ist. terror, todesstrafe, folter. aber kann man jemandem, der ein bein verlieren wird, ernsthaft damit trösten, dass andere ganz ohne beine im rollstuhl sitzen? ich glaube nicht.

Kommentare:

  1. Danke für die Zusammenfassung - habe es an anderer stelle auch schon versucht - unter jeder Uniform und jeder Maske steckt ein Mensch. Bisher konnte mir niemand beantwortet ob jeder der ein Auto angezündet hat ein linker war, oder ein BWL Student auf Schülerausflug. Das ist der Nachteil von Masken, manche nutzen Sie um sich als jemand anderes auszugeben der Sie eigentlich sind.

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  2. ich würde sagen, das ist der sinn von masken. ;) aber ich verstehe schon, worauf du hinauswillst. so ist es natürlich besonders einfach, das ganze "linken extremisten" in die schuhe zu schieben.

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  3. Irgendwie ist es vielleicht auch der Gedanke das ich mir vorstellen kann das "Gewalttourismus" wie The Purge* irgendwann einfach keine Fiktion mehr ist

    *https://de.m.wikipedia.org/wiki/The_Purge_–_Die_Säuberung

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    1. geiler film, kenne ich. aber ob angie so einen tag zur "säuberung" freigibt? ;)

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  4. Ich habe deinen Artikel auf meinem Blog verlinkt, weil ich ihn zeitlos gut finde. Differenziert und trotzdem deutlich. Danke dafür!

    Lieber Gruss

    Anne

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