Donnerstag, 23. März 2017

der hunger

ich bin ein tier, du musst mich füttern, nicht regelmäßig, aber du darfst meinen hunger auch nicht vernachlässigen. hungrig fängt das sehnen an, hungrig fängt das schweigen an.

du musst mich füttern, darfst mir nicht einfach die gierige fresse stopfen, sondern musst es wohlwollend tun, fürsorglich, liebend. sonst spucke ich deine zuwendung aus, spucke sie dir ins gesicht. und schweige, hungere weiter.

du sollst den hunger nicht unterschätzen, auch wenn er zahme gestalt trägt, ein dankbares lamm, wohlwollend-wollüstig, leicht zu haben.
denn am ende reißen dir meine zähne das herz aus der brust.
dann schweigst auch du. und kennst mich nicht mehr.




Donnerstag, 16. März 2017

streithähne

20 uhr, luxushausen.

ich bin gerade von der arbeit gekommen, habe einen entspannungs-rotwein bekommen und warte mit dem luxus-mann auf den luxus-sohn, der in fünf tagen seine alles entscheidende deutscharbeit schreibt. deswegen soll ich heute noch mal mit ihm pauken.

"jetzt ist es schon wieder gleich zehn nach", jammert der luxus-mann, "der ist so unzuverlässig."
ich, die ich ständiges versetztwerden die letzten jahre als quasi-normalität zu akzeptieren gelernt habe, bin da etwas lockerer.
"der meldet sich schon, wenn was dazwischen gekommen ist."
und pling macht es - da hat der luxus-sohn gewhatsappt.
"komme so 15 nach."

der luxus-mann ist sauer.
"das ist so respektlos, der denkt echt, er tut uns einen gefallen, dabei tust du ihm doch den gefallen. eigentlich sollte ich ihm sagen, er kann sich mal gehackt legen. dann fällt er halt zum zweiten mal durchs abi."
"jetzt provozier bitte keine krisen, ich muss nachher noch mit ihm lernen! dann ist er total demotiviert und macht dicht!"
"na gut, kannste recht haben. dann meckere ich ihn danach an."
"am besten wäre, wenn du ihn erst nach der deutscharbeit nächste woche anmeckerst."
"von mir aus."

20.20 uhr, kein luxus-sohn.
der luxus-mann ruft an: "wo bleibst du, wir warten hier auf dich!"
murmelmurmel am anderen ende der leitung.
"was soll das heißen, du musst noch was essen?!" wird der luxus-mann nun doch lauter. "wenn man um 20 uhr einen termin hat, ist man auch um 20 uhr da, da wird nicht erst noch gegessen, das hättest du auch vorher erledigen können!"
murmelmurmel.
"du bewegst jetzt auf der stelle deinen hintern hierher!" lässt der luxus-mann offensichtliche einwände seines sohnemanns nicht gelten.

20.48 uhr. der schlüssel knirscht im schloss. dann steht der luxus-sohnemann mit döner in der hand kauend vor uns. das bringt das fass zum überlaufen.
"du bist fast eine stunde zu spät, hast du dir mal überlegt, wie das für uns ist, wir haben den ganzen tag gearbeitet und jetzt warten wir auf dich und sollen dir auch noch was beibringen, und du behandelst uns so respektlos! mein geld kannst du nehmen, aber respekt bringst du keinen dafür auf!"
"ich bin dir doch sowieso egal", sagt der luxus-sohn daraufhin trotzig zu seinem vater.
"außerdem musst du mir nichts beibringen, sondern die morphine! du kannst das gar nicht, du hast doch nicht mal abi! du weißt doch gar nicht, worum es geht, das interessiert dich alles nicht!"

ich bekomme ein stechendes brennen in der brust. wie oft hatte mir mein vater, der ebenfalls kein abi hat, vorgeworfen, meine talente oder vielmehr sein geld zu verschwenden, woraufhin ich mir nur dachte: was kann ich dafür, dass ich auf der welt bin, ich hab das nicht gewollt, hätteste dir doch so ein perfektes balg im labor züchten lassen, wenn es dir nicht passt, dass ich bin, wie ich bin und wer ich bin und meine eigenen wege gehe. heute kann ich ihn ein bisschen besser verstehen, weiß, wie sorge in wut umschlagen kann und dass nicht alles so ankommt wie es gemeint ist, weil es manchmal schwer ist, die richtigen worte zu finden. ich fühle mich in der situation dennoch ziemlich hilflos, kann weder für die eine noch für die andere seite partei ergreifen, sondern frage irgendwann mitten in die auseinandersetzung hinein:
"können wir dann mal?"
"dann zeig mal der morphine deine ergüsse, ich bin gespannt", sagt der luxus-mann spöttisch.
"dir zeige ich sie schon mal nicht", gibt der luxus-sohnemann zurück. "ich zeig dir auch meine arbeit nicht, nicht mal, wenn sie gut wird."

die stimmung ist zum zerreißen gespannt, als wir uns an den rechner setzen und der luxus-sohn seinen aufsatz ausdruckt.
dann beginne ich zu lesen, während der luxus-sohnemann neben mir sitzt und seinen döner verdrückt.
"du schreibst gar nicht mal schlecht", muss ich erstaunt zugeben. der aufsatz ist zusammenhängend und flüssig geschrieben, keine bezugs- und grammatikfehler, gute bis sehr gute orthografie, lediglich ein einziger komma-fehler, der mir spontan auffällt.
"danke, das hör ich gern", sagt der luxus-sohnemann höflich.
der luxus-mann hat sich in den raum geschlichen.
"wäre das dann schon eine drei?" will er von mir wissen.
"hm", sage ich. "das ist recht kurz. inhaltlich geht es nicht sehr weit in die tiefe, da müssen wir noch ein bisschen ausbauen. aber für eine vier könnte es schon reichen. kommt auch immer auf den klassendurchschnitt an, sozialnorm und so spielt immer in die bewertung mit rein. aber so von der schreibe her... sehe ich keine probleme, dass dein sohn nicht ausdrücken könnte, was er weiß."
"und das ganz ohne dass er bücher liest", sagt der luxus-mann giftig.
"da siehste mal", sagt sein sohn.
"ich bin da ganz ehrlich, ich mein, es ist jetzt kein bombenaufsatz, aber da hab ich schon schlechteres gelesen. der stil ist ok - und eine sichere rechtschreibung ist immer ein vorteil. was noch besser werden müsste, ist dein epochenwissen und dass du deine eindrücke mit den fachbegriffen benennen kannst. ich meine, im zweifelsfall ist ein eindruck besser als nichts, aber für eine drei musst du dir die fachbegriffe draufschaffen und glasklar sagen, das ein xyz und zwar wegen blabla. these, argument, beispiel."

der luxus-sohn nickt. immer wieder bin ich überrascht, dass er sich mir gegenüber so kooperativ verhält.
ich gehe mit ihm den aufsatz durch, erkläre anhand der einzelnen punkte, was mir fehlt und warum, dann philosophieren wir noch ein bisschen über die epoche. die stimmung entspannt sich langsam, besonders als der luxus-mann mit dem gras-beutel den raum betritt und fragt, wer heute einen dreht.

22.30 uhr. wir sitzen auf dem balkon, frieren und kiffen zu dritt.
"morgen kriegst du eine neue aufgabe, die besprechen wir dann am wochenende", sage ich. "schaffst du das?"
der sohnemann nickt.
"aber nicht wieder eine stunde zu spät sein!" mahnt der luxus-mann.
"dann lass uns vorher zum sport gehen", sagt der sohn zu seinem vater. "wenn du mich dann mit zurücknimmst, kann ich mich ja schlecht verspäten."
"in ordnung", sagt der luxus-mann.

als der sohn an der tür steht und sich verabschiedet, ist von der auseinandersetzung nicht mehr viel zu spüren.
"nehmt euch mal in die arme", tippe ich den luxus-mann an.
"nee, sowas machen wir nicht, wir sind doch männer", lehnt der ab.
"ihr seid lebendige klischees", erwidere ich und lache.
der luxus-sohnemann gibt mir artig die hand, dann hüpft er die treppen hinunter.

nun bin ich gespannt aufs wochenende.




Montag, 13. März 2017

Mittwoch, 8. März 2017

herzkrümel

meine liebe ist wie knäckebrot, brüchig, krümelig. sie ist genießbar, macht aber nicht satt. spätestens dann, wenn du mein geheimnis im herzwald entdecken willst, haben die vögel alle krumen aufgepickt und du kommst nicht mehr zurück, aber auch nicht voran. weil du eben weißt, du hast den faden der ariadne schon verloren.

trau mir nicht, ich trau dir nicht.

du kannst die leute bezahlen oder dich ficken lassen, damit sie für dich funktionieren. aber setz nicht auf die liebe. damit kommst du nicht weit, bleibst stecken wie ein fetter wurm im astloch.

in der leere sitzend kann ich nur spotten.
aber nicht eine träne weinen.




Montag, 6. März 2017

arbeit macht unfrei

"manchmal frag ich mich, was ich machen würde, hätte ich diesen job nicht", überlegt der luxus-mann am samstagabend, als wir auf der couch sitzen, whiskey pur trinken und die stunden bis zur partyzeit mit therapeutischen gesprächen, wie sie der luxus-mann nennt, totschlagen.
"weil du dich so dolle langweilst da?"
"ja, das ist reine lebenszeitverschwendung."

"was würdest du anders machen?"
"also erstmal würde ich ja die ganzen vertriebler rausschmeißen", sagt der luxus-mann.
"warum das denn?"
"weil das schleimige schmierlappen sind, die sich auch noch geil dabei fühlen, die leute zu bescheißen."
"ich glaub, dir fehlt eher so der sinn im ganzen, genau wie mir. oder was wirklich intellektuell anspruchsvolles. in einem umfeld, das nicht so von dämlichen anzugwichteln dominiert ist."

der luxus-mann starrt auf das übergroße schädel-poster an der wand gegenüber.
"weißte, was ich mir so beruflich vorstellen könnte?"
"was denn?"
"ich wär gern so jemand, der eine umweltschutzorganisation bewaffnet und die dann rumschickt. walfänger in japan abschlachten oder sowas. irgendwelche leute, die die umwelt zerstören oder tiere für kohle töten. oder auch menschenhändler zum beispiel. da würde ich leute als profikiller für ausbilden... und dafür würde ich auch gern die kohle organisieren."
"ich wollte mich ja mal als orang-utan-baby-betüddlerin auf borneo bewerben."
"und?"
"ich habe nicht biologie studiert, das ist voraussetzung."
"ich wäre jetzt auch nicht so der typ für ne fernbeziehung mit ner affen-mami."
"deswegen werde ich hierbleiben und die raf neu gründen."
"keine doofe idee."

der luxus-mann steht auf und schenkt whiskey nach, weil mein glas schon wieder leer ist.
"du hast echt ein alkoholproblem", sagt er mahnend dabei.
"jo", antworte ich. "aber ohne alk und ohne meine tabletten würde ich das alles gar nicht aushalten."
"das ist doch scheiße."
"du hast auch suchtprobleme."
"ich sag ja nicht, dass ich keine hab. aber traurig ist das schon. man muss sich den ganzen verstand ständig wegsaufen und wegdröhnen, damit man diese asoziale, beknackte scheißgesellschaft ertragen kann."
"mir macht das eigentlich nicht so viel aus. rente krieg ich ja keine, also muss ich eh vorher weg sein", sage ich.

"du musst vielleicht was ändern", grübelt der luxus-mann.
"mir fällt sonst aber auch nicht viel ein, was ich tun könnte. außer mich für den rest meines lebens einweisen lassen", sage ich. "ab und an träume ich davon, und dann wache ich immer ganz erleichtert auf, weil ich dann für einen kurzen moment denke: herrlich, nie wieder ins büro!"
der luxus-mann lacht.
"ich denk, psychiatrie war so die hölle für dich?"
"ist ähnlich wie knast."
"und arbeit ist auch knast", ergänzt der luxus-mann."also läufts aufs selbe hinaus."

"am schlimmsten ist es halt immer morgens, so im serotonin-low", sage ich. "das war auch immer so der zeitpunkt, an dem ich früher gern eine line gezogen hab. oder mich versucht hab, zum suizid zu überwinden."
"aber morgens hast du doch eine sehr wichtige aufgabe."
"welche denn?"
"na, blasen."
ich muss lachen.
"kannst mich ja anstellen, als deine personal penis assistant."
"nee, dann heirate ich dich lieber, das kommt mich billiger."

der luxus-mann schaut auf die uhr.
"können wir jetzt los? ich will mich gleich richtig abschießen."
"aber du hast doch morgen deine tochter."
"dann schieß ich mich halt so zu 90 prozent ab."
"siehste, dir ist saufen sogar wichtiger als family! erzähl du mir noch mal, dass ich ein alkoholproblem habe!"
"du hast dafür ein alkohol- UND tablettenproblem. und ein kiff-problem."
"von mir aus."

ich erhebe mich.
"los, komm, alter mann."
"ziehst du gleich deine doc martens an?"
"wenn du drauf bestehst."
"damit mag ich dich noch ein bisschen mehr."
"ist das jetzt ein verstecktes kompliment oder eine beleidigung?"
der luxus-mann grinst schüchtern und beißt mich sanft ins schlüsselbein.

kurz darauf stehen wir für drei stationen in der bahn, springerbestiefelt und lederbejackt, der luxus-mann im exploited-pulli, die kapuze tief ins gesicht gezogen. der ehrenwerte teil der bahn-mitinsassen starrt uns an wie immer.
und wir grinsen.
trotz arbeit sind wir freier als alle anderen. oder fühlen uns zumindest so.